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Exkursionen Geschichte

Jugendwiderstand – Damals in der DDR

von Barbara Grille

Neues Expertengespräch im Unterricht des Erlanger Ohm-Gymnasiums - Zeitzeuge Achim Beyer fesselte im die Aufmerksamkeit der Schüler und die ihrer Lehrer - Demokratie lohnt Opfer für die Freiheit mit Undank.

Ab Februar 2006 zeigt das Stadtmuseum Erlangen für drei Monate die Ausstellung „Damals in der DDR – 20 Geschichten aus 40 Jahren“. Zwanzig bebilderte Zeitzeugenberichte vermitteln Kenntnisse über eine versunkene Epoche. Das Erlanger Ohm-Gymnasium wartete nicht. Unterstützt vom Arbeitskreis Demokratischer Kreise (ADK) und dem Politisch-Akademischen-Club (PAC) machte es bereits jetzt jene Jahre zum Thema schulischer Arbeit.

Eine Situation, die sich wohl jeder Lehrer wünscht: Sechzig Schüler aus zwei zehnten Klassen sitzen schweigend auf ihren Stühlen im Geschichtssaal des Ohm-Gymnasiums und lauschen aufmerksam. Der Grund: Ein trotz seiner Jahre äußerst agiler Mann lässt beeindruckend und anschaulich jüngere Geschichte Revue passieren.

Es ist Achim Beyer, Jahrgang 1932 und als Zeitzeuge ein Repräsentant der historischen Methode „Oral History“ (erzählte Geschichte), die an Bedeutung zunimmt. Immer häufiger wird in Filmdokumentationen zu den spektakulären Filmsequenzen auch der „O-Ton“ von Personen mit Erlebnishintergrund eingespielt.

Nach seiner Begrüßung durch den Schulleiter Dr. Grunwald skizziert Beyer die fünfziger Jahre, als er mit 18 weiteren Schülern und Freunden vom Staatssicherheitsdienst in der DDR (Stasi) mitten im Abitur festgenommen wurde. Sie hatten aus Enttäuschung ob der sich entwickelnden DDR-Diktatur „aus Idealismus, Leichtsinn, und Unerfahrenheit“ heraus Flugblätter verteilt. Sie prangerten das neue Regime an, in dem Angst und Schrecken auf der Tagesordnung standen (wie bereits die Vertreter der Weißen Rose im Nationalsozialismus). Zeitgleich wurde ein einzelner, der Flugblätter verteilt hatte, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ein Pfarrer, dem sich der Jugendliche anvertraut hatte, wurde für acht Jahre eingesperrt.

„Wir wurden zu insgesamt 130 Jahren Zuchthaus verurteilt. Unter schlimmsten Haftbedingungen mussten wir leben!“, so Beyer. Mit vier bis sechs Kriminellen und Sittlichkeitsverbrechern auf acht Quadratmetern sei er eingesperrt gewesen, ohne Bücher, Papier, Stifte. Ein Liter Wasser am Tag musste für Zähneputzen, Toilettengang, Wäsche reichen. Der Hunger war ständiger Begleiter. Gegessen wurde mit Fingern. Messer und Gabel gab es nicht, ebenso wenig Bett- oder Nachtwäsche. Eine Unterwäsche-Garnitur wurde nur alle paar Wochen ausgegeben. Für ihn dauerte diese Zeit fünf Jahre lang in sieben Zuchthäusern! Beyer vergisst nicht, immer wieder die vor ihm sitzenden Schüler anzusprechen, die nun im selben Alter sind wie er damals war und erzeugt dadurch ein noch stärkere emotionale Betroffenheit.

Und Beyer ist immer noch ein Betroffener. Auf die Frage, ob er seinen Widerstand jemals bereut habe, antwortet er zunächst mit einer klaren Aussage: „Das Urteil war nicht adäquat, aber: Nein. Ich habe mein Handeln nicht bereut! Doch“, so erklärt er den Schülerinnen und Schülern, „in Anbetracht der nicht erfüllten politischen, moralischen und auch finanziellen Anerkennung bereut man es doch.“ Beyer verweist in diesem Zusammenhang unter anderem auf den Missstand, dass es für Schüler, die Jugendwiderstand geleistet haben, keine Opferrente gibt: Seine durch die Haft verlorenen fünf Jahre wurden ihm bei der Rente nicht angerechnet. Keine Bundesregierung hat dieser Forderung jemals entsprochen.

Dieses „historische“ Ereignis setzt die Veranstaltungsreihe des Ohm-Gymnasiums „Prominente im Gespräch“ fort. Bisher haben sich unter anderem der bayerische Staatsminister Dr. Günther Beckstein, der ehemalige Bürgermeister R. Schmidt, der ehemalige Siemens-Vorstandsvorsitzende Dr. Heinrich von Pierer, Erzbischof Telesphore Toppo aus Ranchi/Indien im Ohm-Gymnasium zum offenen Gespräch von Experten mit Schülern eingefunden. Sie alle weisen über den schulischen Tellerrand hinaus, geben einen Einblick in die unterschiedlichsten Lebensbereiche und machen Lust auf mehr. Weitere Veranstaltungen sind geplant.

Literaturtipp: Achim Beyer: Urteil: 130 Jahre Haft. Jugendwiderstand in der DDR und der Prozess gegen die 'Werdauer Oberschüler' 1951, Leipzig 2003. Evangelische Verlagsanstalt, ISBN 3374020704, Paperback, 109 Seiten, 9,80 EUR

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